Buchrezension: Helden sterben – Tarantino trifft Fantasy
Stell dir eine Welt der Zukunft vor. Eine futuristische Erde, die allerdings direkt aus einem Orwell-Roman stammen könnte. Das ist die Zukunft im Buch Helden sterben.
Zu Beginn möchte ich dir eine Frage stellen: Was erwartest du von einem Buch? Eine Heldenballade? Eine Liebesgeschichte oder Situationen, in denen der Protagonist einen Ausweg aus einem Netz aus Verrat und Intrigen finden muss? Vielleicht suchst du nach etwas, das dir beim Lesen einen Adrenalinkick verpasst. Eine weitere wichtige Frage: Stehst du eher auf Sci-Fi oder Fantasy? In diesem Fall musst du gar nicht lange überlegen. Matthew W. Stover bietet in seinem Buch „Helden sterben“ all das und noch viel mehr.
Stell dir eine Welt der Zukunft vor. Eine futuristische Erde, die allerdings direkt aus einem Orwell-Roman stammen könnte. Eine kompromisslose Kastengesellschaft, in der die untersten Schichten von morgens bis abends schuften, nur um sich und ihre Familien zu ernähren, während die privilegierten Klassen im Geld und Luxus schwimmen. Die Welt ist global vereint und die Politik ähnelt allzu sehr einem autoritären System, wenn nicht gar einer Totalität.
Wir befinden uns in einer technisch hochentwickelten Zeit. Das klassische futuristische Konzept fliegender Autos trifft auf eine perfektionierte Kybernetik. Es gibt jedoch eine spezielle Erfindung, die in unserer Geschichte eine entscheidende Rolle spielt: den sogenannten Sim-Sessel. Dank ihm können Menschen bequem von zu Hause aus Sendungen verfolgen, die von einem Konzern produziert werden, den der Leser als „Studio“ kennenlernt. Was unterscheidet das vom normalen Fernsehen? Die Zuschauer erleben die Handlung durch die Augen eines der Protagonisten. Von klassischem VR kann man hier nicht sprechen. Die Schauspieler, die die Hauptrollen in diesen Übertragungen spielen, sind eigentlich gar keine Schauspieler. Ihr Bewusstsein wird komplett in die jeweilige Realität übertragen, inklusive aller Sinne und Empfindungen. Verschiedene Gerüche, Geschmäcker, aber auch Schmerz spüren sie genauso intensiv, als wären sie persönlich vor Ort. Stirbt ihre Figur während der Übertragung, stirbt auch ihr Körper auf der Erde.

Genau dieser Schauspieler, Hari Michaelson, bekannt als Caine, ist unser Protagonist. Zerrüttet durch die Entfremdung von seiner Frau und Kollegin Shanna, die unter dem Pseudonym Pallas Ril auftritt, und unter dem ständigen Druck des Studios scheint Haris Leben buchstäblich in sich zusammenzubrechen. Zudem kann er die mentale Verbindung zu seiner Figur Caine nicht trennen – einem gnadenlosen Killer aus dem Fantasy-Reich, der Überwelt.
Michaelson „genießt“ gerade eine mehrmonatige Pause zwischen seinen Abenteuern. Plötzlich taucht ein unerwartetes Problem auf und seine geliebte Shanna – Pallas – gerät in tödliche Gefahr. Durch ihren Versuch, dem einfachen Volk des Menschenreichs Ankhana zu helfen, gerät sie ins Visier des mächtigen Kaisers Ma'elKoth, der versucht, seine Macht zu festigen und Ankhana in eine neue Ära zu führen. Es liegt nun an Hari, oder besser gesagt an Caine, sie aus der Überwelt zurückzuholen. Lebendig und gesund. Dabei muss er sich vielen Gefahren und Fallen stellen, die auf dieser Mission auf ihn warten.
Das Buch selbst ist ziemlich umfangreich. Ehrlich gesagt hat mich der Umfang von über sechshundert Seiten anfangs etwas abgeschreckt. Auch die kurze Charakterisierung, die eine Kombination aus Fantasy und Cyberpunk erwähnte, half nicht wirklich. Ich habe in den ersten Momenten eigentlich nur darauf gewartet, wann der Hexer mit einem Sturmgewehr auftaucht. Aber ich kann mit reinem Gewissen sagen: Nach den ersten paar Kapiteln habe ich jedes Wort verschlungen.
Stovers Schreibstil ist außergewöhnlich mitreißend, egal ob er einen blutigen Kampf oder nur eine leere Straße beschreibt. Die Ausarbeitung der einzelnen Charaktere und ihre Persönlichkeiten sind ein weiterer Faktor, der den Leser garantiert in die Geschichte hineinzieht. Obwohl es wie eine klassische Gut-gegen-Böse-Handlung wirken mag, zwingen dich die einzelnen Abschnitte dazu, über die Relativität beider Begriffe nachzudenken.
Gleichzeitig konzentrieren wir uns nicht nur auf einen Handlungsstrang. Wie bereits erwähnt, kehrt der Leser regelmäßig aus der Überwelt auf die Erde zurück und umgekehrt. Für eine ordentliche Dosis Adrenalin in beiden Welten ist gesorgt. Die Geschichte dreht sich zwar um Caine, aber der Autor stellt die anderen Figuren nicht ins Abseits. Man kann im Grunde sagen, dass man in bestimmten Momenten die Handlung durch die Augen fast aller Nebenprotagonisten und Antagonisten erlebt. Genau das hilft dem Leser, ihre Motivation und Denkweise besser zu verstehen.
Es stimmt, dass viele, genau wie ich, eine Weile brauchten, um sich auf die Wellenlänge des Autors einzustellen. Der ständige Wechsel zwischen der supermodernen Zivilisation und der klassischen Fantasy-Umgebung kann anfangs etwas gewöhnungsbedürftig sein. Aber es dauert nicht lange, bis sich der Leser perfekt an dieses System angepasst hat.
Obwohl der Zweck der meisten Rezensionen natürlich darin besteht, dem Leser die Meinung des Rezensenten nahezubringen, kann ich ohne jede Voreingenommenheit sagen: Wenn dich anspruchsvolle Buchtitel reizen, in denen weder an Action noch an tiefgründigen Gedanken gespart wird, dann ist das Buch Helden sterben definitiv ein Werk, das in deinem Bücherregal nicht fehlen sollte.
Autor: Kryštof Halfar
Kryštof Halfar
Autor článků na imago.cz
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