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Matěj Lehár und die Filmová filharmonie

Wie ist es, ein Symphonieorchester zu leiten, das Film- und Videospielmusik spielt? Wir haben den Direktor der Filmharmonie, Matěj Lehár, gefragt.

Matěj Lehár und die Filmová filharmonie

Symphonische Musik ist längst keine Angelegenheit mehr für ein paar Eingeweihte. Dank Filmen hat sie ihren Weg in die Popkultur gefunden und gehört regelmäßig zum Besten, was du live im Konzert erleben kannst. Bei der Spielmusik ist das zwar immer noch etwas komplizierter, aber auch sie verschafft sich nach und nach Gehör. Das Symphonieorchester Filmová filharmonie widmet sich seit 2014 der großartigen Konzertaufführung von Film- und Videospielmusik. Das bis zu 150-köpfige Ensemble strebt regelmäßig nach höchster Aufführungsqualität. Aus eigener Erfahrung können wir bestätigen: Das ist wirklich etwas Besonderes.

Ein großes Orchester live deine Lieblingsstücke spielen zu hören, ist ein Erlebnis, das du so schnell nicht vergisst (Musikbeispiele findest du in den Links im Text, Anm. d. Red.). Besonders, wenn alles in der wunderschönen historischen Kulisse des Prager Rudolfinums stattfindet. Wir haben den Orchesterleiter Matěj Lehár interviewt, der neben seiner Tätigkeit als Direktor auch regelmäßig als Hornist in der Filmharmonie auftritt.

Matěj Lehár a Filmová filharmonie

Kannst du uns etwas über die Anfänge des Orchesters erzählen? Wie kommt es überhaupt dazu, dass sich ein paar Leute zusammentun, um ein Orchester zu gründen?

In vielen bedeutenden Werken der Kinematographie wird der gewaltige Klang eines Symphonieorchesters oder die wunderschönen Instrumentalsoli einzelner Instrumente genutzt. Deshalb gibt es viele Musiker, die diese Musik gerne spielen. Da wir unser eigenes Orchester gegründet haben, können wir diese großartige Musik nicht nur spielen, sondern dem Publikum auch zeigen, was uns Spaß macht und worin wir gut sind – und das zusammen mit Freunden, mit denen wir ständig versuchen, die Grenzen dessen zu verschieben, was man auf der Bühne unter dem Begriff „symphonische Musik“ schaffen kann.

Warum eigentlich Film- und Videospielmusik?

Spitzen-Filmmusik nutzt ein riesiges Symphonieorchester, das heute die sogenannte „Epic Music“ bildet. In der klassischen Musik kennen wir zum Beispiel Carmina Burana von Carl Orff, in der Filmmusik ist es zum Beispiel Ben Hur von Miklós Rózsa. Aber die Nachfolger dieses gewaltigen Klangs sind für uns sicher auch die bekannteren Komponisten wie John Williams, James Horner, Jerry Goldsmith oder Hans Zimmer.

In die Videospielindustrie wird heute enorm viel Geld investiert, daher gibt es auch hier großartige Schöpfer. Spielestudios nutzen zudem die Arbeit von Filmmusikkomponisten; als Beispiel würde ich Michael Giacchino (Medal of Honor) und Hans Zimmer (Call of Duty) nennen.


Ennio Morricone, John Williams oder Howard Shore haben bewiesen, dass Filmmusik künstlerische Qualität und Weltruhm erreichen kann. Aber was ist mit Videospielen? Gibt es dort einen ähnlich bekannten und erfolgreichen Autor?

Von den preisgekrönten Komponisten für Spielmusik möchte ich Christopher Tin (Grammy für das Stück Baba Yetu aus dem Spiel Civilization IV) und Jeremy Soule (MTV VMA für den Soundtrack zu The Elder Scrolls IV: Oblivion und BAFTA für das Spiel Harry Potter und der Stein der Weisen) erwähnen. Ein weiterer großartiger Autor ist zum Beispiel der preisgekrönte Inon Zur, von dem wir in einem Monat die Musik zum Spiel Starfield aufführen werden.

Wie oft erklingen bei euren Konzerten Werke tschechischer Autoren? Kannst du einen von ihnen hervorheben?

In den letzten Jahren versuchen wir, auch tschechischen Autoren Raum zu geben, die in einem ähnlichen Stil wie die Orchestratoren amerikanischer Studios arbeiten, also mit einem großen Orchester. Im Filmbereich haben wir die Musik zu Bod obnovy (Restore Point) des Komponisten Jan Šléška konzertant uraufgeführt, bei Weihnachtskonzerten erklang Musik aus dem Märchen Anděl Páně von Miloš Bok. Die Konzertsuite aus dem Film Anděl Páně 2 von Ondřej Brzobohatý hat uns Dominik Svoboda arrangiert, dessen Musik aus dem Spiel Arma Reforger beim kommenden Konzert für Spielmusik erklingen wird. Gerade bei der Videospielmusik arbeiten wir mit den tschechischen Autoren Vladimír Šimůnek zusammen, der unvergessliche Stücke für das Spiel Mafia schuf, und natürlich mit Jan Valta, für den wir die Konzertsuite zum Spiel Kingdom Come: Deliverance uraufgeführt haben.

Matěj Lehár a Filmová filharmonie

Bei euren Konzerten treten bis zu 150 Mitwirkende auf. Wie schwierig ist es, so viele Leute für eine Sache zu begeistern und alle zu koordinieren?

Da wir bereits bei unserem ersten Konzert im Jahr 2014 in großer Besetzung starteten (damals spielten wir mit 70 Mitgliedern), ist die Zahl der zusammenarbeitenden Künstler bis heute stark gewachsen. Da sich die Filmová filharmonie im Laufe ihres Bestehens als ein Klangkörper etabliert hat, der bei Konzerten Musik in höchster Qualität präsentiert, ist es einfacher, auch die heutige tschechische Interpretationsspitze für eine Zusammenarbeit an meinen Projekten zu gewinnen. ;) Jede Instrumentengruppe und jeder Chor hat immer seinen Leiter, und natürlich fehlt auch der Dirigent nicht, der bei der Einstudierung und dem Gesamtergebnis eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Wie lange vor dem Konzert finden die Proben statt? Es ist wohl eine naive Vorstellung, dass sich ein professioneller Künstler einfach vor die Noten setzt und alles beim ersten Mal perfekt spielt.

Ein professioneller Künstler setzt sich hin und spielt, und das meiste Publikum würde es nicht einmal merken – so laufen nicht wenige Musikproduktionen überall um uns herum ab. Wir bei der Filmová filharmonie sind jedoch einen anderen Weg gegangen, nämlich den der exzellenten Vorbereitung aller Beteiligten, damit sie auf der Bühne die bestmögliche Leistung erbringen und die Konzerte dennoch genießen können. Wir proben also meistens 6 Einheiten (4-stündige Proben), bei denen wir den gesamten großen Klangkörper aufeinander abstimmen. Bei diesen Proben wird jedoch erwartet, dass jeder Künstler bereits alles vorbereitet hat, was von ihm verlangt wird.

Gibt es eine Mindestanzahl an Künstlern, damit Filmmusik (zum Beispiel der Imperiale Marsch aus Star Wars) gut klingt?

Eine Mindestanzahl gibt es nicht; bei kleineren Veranstaltungen spielen wir zum Beispiel in einem 8-köpfigen Ensemble, aber das ist etwas anderes als der Klang eines Symphonieorchesters. Es kann nicht das sein, was der Komponist beabsichtigt hat. Das Orchester ist voller verschiedener Klangfarben, und wenn man viele Instrumente nicht hat, fehlen diese Farben einfach.

Matěj Lehár a Filmová filharmonie

Wie schwierig ist die Sicherung der Rechte und Noten für ein bestimmtes Stück? Wie läuft die Auswahl der Stücke ab?

Filmmusik zu spielen ist kompliziert. Am einfachsten ist es natürlich, wenn die Konzertmusik von einem Verlag herausgegeben wurde und die Stücke gekauft werden können. So haben wir viele Stücke von John Williams, Alan Silvestri, Michael Giacchino im Archiv. Bei anderen Komponisten ist es eine Absprache direkt mit ihnen oder mit Bibliotheken, die die Stücke gegen eine nicht unerhebliche Gebühr für einzelne Konzerte verleihen. Und dann zahlt man noch für die „Live“-Aufführung vor Publikum. Diese Beträge liegen pro Konzert im sechsstelligen Bereich. Die Auswahl der Stücke für einzelne Konzerte ist eine langfristige kreative Tätigkeit; ich versuche, nicht nur Mainstream-Hauptthemen auszuwählen, sondern auch andere interessante Stücke. Uns liegt viel am Gesamteindruck des gesamten Konzerts, damit es wie eine Geschichte wirkt, an die sich die Zuhörer noch lange erinnern werden.

Einigen Meinungen zufolge dürfen Stücke, die bei Film-/Spielmusikkonzerten gespielt werden, niemals 100%ige Kopien des Originals sein. Es kommt vor, dass ich bei einem Konzert das Gefühl habe, dass in einem Stück, das ich sehr gut kenne, eine Kleinigkeit anders ist. Stimmt das? Sind die für solche Konzerte bereitgestellten Stücke anders als das Original?

Sogar die Komponisten selbst schreiben für einen Film vielleicht mehrere Versionen eines Themas. Ein Stück muss im Film nicht unbedingt vollständig erklingen und wird dann für den Soundtrack in einer vollständigen Form aufgenommen, die sich wiederum leicht von dem unterscheiden kann, was im Film zu hören ist. Gleichzeitig werden von den Komponisten oder Verlagen selbst Stücke für den Konzertgebrauch herausgegeben, die sich dann auch in der Schwierigkeit oder durch eine Bearbeitung für eine geringere Stimmenzahl unterscheiden können. Wir versuchen, Notenmaterial einzubeziehen, das dem „Original“ so ähnlich wie möglich ist, sei es vom Soundtrack oder aus dem Film/Spiel. Wenn wir also zum Beispiel die Rechte direkt vom Musikautor selbst erhalten, erwerben wir damit die Lizenz zur Aufführung des Werks in der Form, die er uns zur Verfügung stellt.

Gibt es ein Stück, das ihr gerne ins Repertoire aufnehmen würdet, aber nicht könnt, zum Beispiel wegen Rechten oder technischer Anforderungen?

Im Moment warten wir auf die Genehmigung der Rechte von Howard Shore für die Aufführung seiner großen Konzert-Symphonie. Da stoßen wir natürlich auch auf die Anforderungen an einen großen Konzertsaal, der in der Tschechischen Republik fehlt.

Kommt es vor, dass während eines Konzerts etwas nicht klappt? Gibt es solche Momente, die einen Experten nerven, die wir aber gar nicht bemerken?

Natürlich kommt das vor. Es handelt sich um eine Live-Aufführung und jeder der 150 Mitwirkenden kann sich irren :), aber die Musiker und Sänger im Chor sind auf einem solchen Niveau, dass das wirklich nur ein Bruchteil der Zuhörer bemerken kann. Außerdem tun wir durch die Vorbereitung selbst unser Möglichstes, damit solche Situationen nicht passieren.

Das Prager Rudolfinum ist euer Heimspielplatz, aber spielt ihr auch woanders? Wo überall können euch Fans von Film- und Spielmusik hören?

In den letzten Jahren haben wir uns gerade im Rudolfinum verankert, da unsere Projekte so umfangreich sind, dass wir die Anzahl der Musiker nicht in dem Maße in andere tschechische Säle transportieren können, wie es früher der Fall war. Deshalb planen wir unsere Konzerte für die kommenden Saisons nur dort.

Matěj Lehár a Filmová filharmonie

Ich dachte immer, dass Kunst nicht in Galerien eingesperrt werden sollte, sondern für alle da sein sollte. Kann da nicht gerade das relativ luxuriöse Rudolfinum und der Dresscode in manchen Fällen eher abschrecken? Abgesehen von der Tatsache, dass eure Konzerte trotz alledem regelmäßig ausverkauft sind.

Die Filmová filharmonie basiert schon vom Prinzip her auf mehreren Aspekten, die wir auch bei moderner Schöpfung nicht außer Acht lassen können. In erster Linie ist das ein akustisch großartiger Saal, damit unsere Arbeit so vieler Künstler nicht umsonst ist, und das ist das Rudolfinum

Ihr bietet auch maßgeschneiderte Konzerte an. Wie oft wird dieser Service genutzt und was könnt ihr einem potenziellen Interessenten eigentlich alles anbieten? Was ist die kleinste und die größte Veranstaltung, die ihr so organisiert habt?

Maßgeschneiderte Konzerte haben wir gerade zur Erweiterung unseres Portfolios und zur Sichtbarmachung unseres Orchesters. Die kleinste Besetzung ist ein Solist und die größte ist die, die du bei unseren Konzerten im Rudolfinum antriffst. Mit der größten Besetzung triffst du heute nur in unserer Produktion zusammen.

Worauf können wir uns dieses Jahr noch von euch freuen und plant ihr Neuheiten für die kommenden Jahre?

Wir wissen bereits heute, dass wir mehrere Themenkonzerte haben, denen unsere Zuhörer auch in den kommenden Jahren begegnen werden – Fantasy, Sci-Fi, Weihnachten. Für die Zukunft werden wir wieder versuchen, das sehr erfolgreiche Programm Valentinstag einzubeziehen, gefolgt von Konzerten mit Musik bedeutender Filmmusikkomponisten.

Matěj Lehár a Filmová filharmonie

Foto Martin Bambušek

Autor Karel Krajča

Karel Krajča

Karel Krajča

Šéfredaktor, content creator a organizátor festivalu Fantastická Ostrava. Fanoušek fantastiky, videoher, deskových her a popkultury obecně. Příležitostný milovník malování figurek a craftení všeho druhu. Hudební závislák a amatérský znalec fyziky a matematiky.

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