Prag: Horror und Geheimnisse
Jeder kennt den Spruch vom „goldenen Prag“. Dass Prag aber auch eine düstere, geheimnisvolle Seite hat, wussten nicht nur einheimische Autoren, sondern auch internationale Künstler. Man könnte fast Angst bekommen, die Stadt zu besuchen.
Jeder kennt den Spruch vom „goldenen Prag“ mit seinen hundert Türmen. Dass Prag aber auch eine düstere, geheimnisvolle Seite hat, wussten nicht nur einheimische Autoren, sondern auch internationale Künstler. Für viele Ausländer ist die Tschechische Republik gleichbedeutend mit Prag – wenn sie uns besuchen, kommen sie kaum über die Stadtgrenzen hinaus oder hören von nichts anderem. Das spiegelt sich auch in internationalen Horrorwerken wider. Prag taucht dort zwar nicht ständig auf, aber für einen kleinen Artikel reicht es allemal.
Im Western-Horror Vampires (1998) von John Carpenter jagt eine Gruppe von Vampirjägern den Prager Priester Jan Válek. Einst im Mittelalter wollte ihn die katholische Kirche verbrennen, doch das misslang – er kehrte als blutrünstiger, rachsüchtiger Vampir zurück. Jan Válek ist ein knallharter, gnadenloser Gegner, der sich zusammen mit seiner Horde von Vampir-Schergen atmosphärisch im Sand und in der Erde versteckt (Särge scheinen zur Jahrtausendwende wohl aus der Mode gekommen zu sein). Seine Opfer schont er nicht, sondern zerlegt sie mit bloßen Händen (und das ist kein Scherz!). Ein wahrhaft dämonischer, rauer und charismatischer Schurke. Carpenter pfeift in seiner Geschichte auf einige Vampir-Klischees und erschafft seine eigene, ziemlich originelle Vampir-Genese.
Prag fand jedoch schon 1891 Eingang in den internationalen Horror. Damals veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Francis Marion Crawford den okkulten Horrorroman Die Hexe von Prag (The Witch of Prague). Die gesamte Handlung spielt in Prag und erzählt von der wunderschönen Hexe Unorna, die jeden Mann dazu bringen kann, sich in sie zu verlieben – nicht nur durch ihren persönlichen Charme, sondern durch echte Zauberei. Eines Tages verliebt sich Unorna jedoch selbst in einen Mann, den man nur den „Wanderer“ nennt. Dieser zieht durch die Welt und sucht seine verlorene Liebe Beatrice.

Die titelgebende Prager Hexe hat es in sich. Sie verbündet sich mit dem verrückten Zwerg Kyjork Arabian, mit dem sie einen hundertjährigen Greis in einem hypnotischen Schlaf gefangen hält. Durch Experimente an ihm versucht sie, das Altern zu stoppen und das Geheimnis ewiger Jugend zu lüften – unter anderem durch Bluttransfusionen von jungen Menschen.
Unorna versucht, den Wanderer zu hypnotisieren und ihm einzureden, dass Beatrice nicht existiert und er seine Gefühle nur ihr zuwenden soll. Crawford, der in Italien geboren wurde, in Amerika studierte und später durch die Welt reiste, hielt sich laut zeitgenössischen Berichten vor dem Schreiben des Romans einige Zeit in Prag auf, um für sein Werk zu recherchieren. Der Roman erschien 1912 erstmals auf Tschechisch, 18 Jahre später folgte eine zweite Auflage. Doch schon vor der tschechischen Veröffentlichung erregte das Buch in Böhmen Aufmerksamkeit. Bereits 1892 schrieb die Zeitschrift Lumír: „Als Roman würde uns Leser ‚Die Hexe von Prag‘ wohl kaum interessieren, da alles auf Hypnose und Suggestion basiert, aber es gibt Stellen, an denen man sieht, wie ein Ausländer uns betrachtet und in welchem Licht er Prag sieht.“
Ein ziemlich einzigartiges Stück ist der Giallo-Klassiker La Corta notte delle bambole di vetro (1971), der ursprünglich Malastrana hieß und eine italienisch-deutsch-jugoslawische Koproduktion war. Er erzählt von dem amerikanischen Journalisten Gregory Moore, der ohne Lebenszeichen in ein Prager Krankenhaus eingeliefert und für tot erklärt wird. Moore ist jedoch nicht tot, sondern in einen katatonischen Zustand gefallen. Während er auf die Autopsie wartet, lässt er die Ereignisse der letzten Nacht Revue passieren und sucht nach Antworten auf grundlegende Fragen: Wo ist seine Freundin geblieben? Wer will ihn töten und warum?
Hinter dem Schleier der Genre-Konventionen (Nacktheit, Morde an jungen Frauen) bekommt der Zuschauer nicht nur einen Blick auf Prag und seine Winkel, sondern auch eine zeitgenössische, wenn auch leicht überzogene Darstellung der Atmosphäre des sozialistischen der Tschechoslowakei. Neben dem Entdecken von Prager Wahrzeichen kann man die Musik von Ennio Morricone genießen oder das spätere Bond-Girl Barbara Bach sehen.
Auf Prag und Tschechien stößt man sogar in der Serie Buffy – Im Bann der Dämonen (1997), und das nicht nur einmal. In der zweiten Folge der dritten Staffel, „School Hard“, unterhalten sich die Vampire Spike und Drusilla über Prag. Drusilla klagt, dass sie Prag vermisst, während Spike sie daran erinnert, dass sie dort dank eines dummen Mobs fast gestorben wäre. Aber Buffy beschränkt sich nicht nur auf Prag. In der fünften Staffel sprechen die Mönche, die den Schlüssel bewachen, ausgiebig und deutlich Tschechisch. In der siebten Folge der siebten Staffel, „Conversations with Dead People“, erinnert der ehemalige Mitschüler Holden Buffy daran, dass sie ihn einst ihre Seminararbeit zum Thema Václav Havel abschreiben ließ (die Gebühr für die Namensnennung wurde nicht bezahlt). Im Original ausgesprochen als „Vaklaf Ável“.
Ein wichtiger Rat zum Schluss: In Prag sollte man keine jahrhundertealten Toten bestehlen. Auch nicht, wenn nach dem Münchner Abkommen die Besetzung Prags durch die Nazis kurz bevorsteht. Das erfährt der Protagonist der Kurzgeschichte des praktisch unbekannten Autors Stephen Gregor, der von einem Raubzug in Prag ein altes und teures Souvenir mitbringt. Denn dann besucht dich der Herr aus Prag. Ein unangenehmer Besuch. Die klassische englische Gruselgeschichte erschien ursprünglich in einem englischen Nachkriegsmagazin und ist technisch gesehen die einzige existierende Information über den Autor und die Geschichte selbst. In tschechischer Übersetzung erschien die Erzählung in der Anthologie Lupiči mrtvol von Jan Zábrana.
Wie du siehst, hat Prag seinen unschätzbaren Charme. Und wir haben sicher noch nicht alle Facetten seines Beitrags zum internationalen Horror erschöpft. Hier treffen sich nicht nur verliebte Studenten (Der Student von Prag), sondern auch blutrünstige Vampire (Blade II). Hexen, Opfer und Mörder. Die Wände der Häuser sind von jahrhundertealten dunklen Legenden durchtränkt, und die gruseligen Verweise aus Büchern verfolgen deine Schritte in so mancher Gasse. Man könnte fast Angst bekommen, die Stadt zu besuchen.
Autor: Honza Vojtíšek
Der Artikel erschien ursprünglich im unabhängigen Horror-Magazin Howard
Honza Vojtíšek
Autor článků na imago.cz
Das könnte dir auch gefallen
Die Angst vor dem Unbekannten: Wie Lovecraft die Horrorliteratur veränderte
Entdecke die Angst vor dem Unbekannten und die Welt von H. P. Lovecraft. Wie kosmischer Horror die Literatur und moderne Kultur beeinflusste. Tauche ein in die Geheimnisse des Cthulhu-Mythos. ganzer Artikel...
Sachjournalismus 20. 8. 2025 Petr Eller 1 minDie Geschichte von Doom: Vom Pixel-Inferno bis zu The Dark Ages
Doom als kulturelles Phänomen: Wie ein Spiel voller Dämonen, Brutalität und Mods Jahrzehnte überlebte und sogar Kühlschränke und Taschenrechner eroberte. ganzer Artikel...
Sachjournalismus 10. 6. 2025 Karel Krajča 9 min
Internationaler Tag der Gruselkinder
Entdecke die gruseligsten Kinder aus Filmen und Büchern. Klassiker und moderne Horrorfilme, die zeigen, dass auch Unschuld tödlich sein kann. ganzer Artikel...
Sachjournalismus 27. 5. 2025 Karel Krajča 8 min